Kirchenräume und katholische Identitäten: Religionspolitische und theologische Positionen im Medium der Architektur
Konferenz 2025 | Kirchenräume und katholische Identitäten
Am 28. November 2025 fand am Institut für Christkatholische Theologie der Universität Bern die Konferenz «Kirchenräume und katholische Identität: Religionspolitische und theologische Positionen im Medium der Architektur» statt.
Im Fokus stand die kommunikative Funktion von Kirchenbauten. Die Referent:innen erörterten gemeinsam, wie religionspolitische und theologische Positionen über das Medium der Architektur verhandelt und wie Kirchenbauten zum Objekt theologischer und religionspolitischer Debatten werden. Gleichzeitig sollten Perspektiven und Fragestellungen unterschiedlicher akademischer Disziplinen miteinander in Dialog treten. Dies spiegelte sich auch in der Besetzung der Referent:innen wider. Die versammelte wissenschaftliche Expertise umfasste die Bereiche Theologie, Liturgiewissenschaft, Kirchengeschichte, Allgemeine Geschichte, Historische Raumforschung sowie Kunst‐ und Architekturgeschichte.
Der Vormittag und der frühe Nachmittag waren als klassische Konferenz mit Referaten und Diskussionsrunden konzipiert. Birgit Jeggle-Merz, emeritierte Professorin für Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern und an der Theologischen Hochschule Chur, führte in die «Botschaften des katholischen Kirchenraums» ein und reflektierte diese aus liturgiewissenschaftlicher Perspektive. Dabei stellte sie das Motiv der «tätigen Teilnahme» als grundlegendes Element aller Liturgiereformen des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Anhand von bautheoretischen Grundlagen, liturgierechtlichen Bestimmungen und konkreten Fallbeispielen zeigte sie die Auswirkungen dieses Prinzips auf die architektonische Ausgestaltung des Kirchenraums zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf.
Angela Berlis, Professorin für die Geschichte des Altkatholizismus und Allgemeine Kirchengeschichte an der Universität Bern, setzte sich in ihrem Vortrag «Conflicts about Sacred Places: Reflections from Church History» mit religionspolitischen Konflikten um religiöse Orte auseinander. Dabei unterschied sie verschiedene Formen von Konflikten und deren Folgen, wie Zerstörung, Umnutzung oder geteilte Nutzung von Gebäuden und Räumen. Mit Verweis auf die Hagia Sophia in Istanbul, den Tempelberg in Jerusalem, säkularisierte Kirchen in den Niederlanden, das zerstörte Zisterzienserinnenkloster von Port Royal des Champs und unterschiedliche Formen von Simultannutzungen der Heidelberger Heiliggeistkirche wies sie zudem auf die Beschaffenheit dieser Orte als umkämpfte «Lieux de mémoire» hin.
Die neuseeländische Kunsthistorikerin Katherine L. Jennings, die am Institut für Christkatholische Theologie der Universität Bern im Fachbereich Religiöse Studien promovierte, referierte über die materielle Biographie der Berner St. Peter und Paul-Kirche. Dabei vertiefte sie insbesondere theoretische Fragen der «Material Culture» und der «Material Religion», zwei Forschungsrichtungen, welche die Materialität von Kultur bzw. Religion hervorheben. Im Anschluss an Forscher:innen wie Sonia Hazard, David Morgan oder Birgit Meyer plädierte Jennings unter dem Motto «all Religion is Material Religion» für eine Intensivierung der Forschung zur materiellen Kultur des Altkatholizismus.
Der Historiker und Religionswissenschaftler Martin Bürgin, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Christkatholische Theologie zur Geschichte des Altkatholizismus forscht, sprach über «Architektur als Repräsentation konfessioneller Identität». Er führte aus, wie konfessionelle oder religionspolitische Konflikte über Architektur kommuniziert werden oder wie Architektur zum Objekt derselben Konflikte gemacht werden. Wobei er spezifisch auf die Auswirkungen des Ersten Vatikanischen Konzils und des Kulturkampfs im Medium der Architektur einging. Am Beispiel der Berner Dreifaltigkeitskirche und ihres kirchenpolitischen Programms zeigte er auf, wie römisch-katholische Identität in Abgrenzung zum Christkatholizismus konstruiert wurde.
Im Anschluss daran wurde das Universitätsgebäude verlassen, um die zuvor angestellten Überlegungen zu Theorie und Transdisziplinarität anhand konkreter Fallbeispiele aus der Berner Kirchenlandschaft zu diskutieren: Dem Berner Münster, der Kirche St. Peter und Paul sowie der Dreifaltigkeitskirche. Diese drei Kirchen sind für die katholische Geschichte Berns von zentraler Bedeutung. Während das Münster den Ort erster katholischer Gottesdienste nach der Reformation markiert und im 19. Jahrhundert wesentliche Veränderungen erfuhr, stehen St. Peter und Paul sowie die Dreifaltigkeitskirche im Zusammenhang mit den ideellen Auseinandersetzungen um Moderne und Antimoderne, den damit verbundenen innerkatholischen Differenzierungsprozessen und dem politischen Kulturkampf des 19. Jahrhunderts.
Bernd Nicolai, emeritierter Professor für Architekturgeschichte und Denkmalpflege an der Universität Bern führte durch das Berner Münster und widmete sich dabei insbesondere dem Chorraum, der zur Zeit der Helvetischen Republik für katholische Gottesdienste genutzt wurde. Martin Bürgin setzte seine Ausführungen zur Dreifaltigkeitskirche vor Ort fort und zeigte auf, wie etwa die Wahl von Patrozinium, Grundriss, Front und Heiligendarstellungen im Sinne einer symbolischen Kommunikation eingesetzt wurde. Katherine L. Jennings führte durch St. Peter und Paul und konkretisierte anhand von Kirchenfenstern, Kathedra und Marientuch wie die künstlerische Ausstattung der Kirche als Ausdruck einer christkatholischen Identität zu lesen ist.
Im Zusammenhang mit der Konferenz fand am Abend die Buchvernissage von Katherine L. Jennings’ Dissertation «French Stranger – Spiritual Home» im christkatholischen Kirchgemeindehaus statt. Die Pianistin Alona Zhurba umrahmte die Veranstaltung musikalisch. Ein reichhaltiger Apéro bot anschliessend Gelegenheit, das Gehörte noch einmal zu diskutieren und den Tag ausklingen zu lassen.
Das Konferenzprogramm war äusserst dicht. Die vielseitigen disziplinären Perspektiven auf das Thema, die unterschiedlichen Formate und die engagierten Diskussionen sorgten für Abwechslung. Die Konferenz war in allen Teilen gut besucht. Dabei variierte das Publikum je nach Thema und Format: Auffällig war beispielsweise die hohe Präsenz von Liturgiewissenschaftler:innen am Vormittag, die Dominanz von historisch Forschenden am frühen Nachmittag und die stärkere Teilnahme von ausserakademischem Publikum während der Kirchenführungen und der Vernissage.
Die Konferenz wurde finanziell durch den Fonds für ökumenische und historische Theologie der Fontes-Stiftung unterstützt. Thematisch knüpfte sie an das Symposium «Katholizismus am Scheideweg» vom 9. Dezember 2022 an der Universität Bern an und setzte die kulturhistorische Debatte um die Genese differierender Katholizismen fort. Sie wurde organisiert durch Angela Berlis und Martin Bürgin.
